Dass es brisant ist, in Überschwemmungsgebieten Wohngebäude zu errichten, war schon vor der Ahrtal-Flutkatastrophe im letzten Jahr weithin bekannt. Dessen ungeachtet stieg die Quote der Neubauten, die in ebensolchen Hochrisikozonen liegen, 2021 auf den höchsten Stand seit Jahrzehnten, nämlich auf 1,4 Prozent. 20 Jahre zuvor belief sie sich noch auf 1,0 Prozent. Seit dem Jahr 2000 sind in Deutschland mehr als 32.000 Wohngebäude in Überschwemmungszonen errichtet worden – zusätzlich zu den rund 240.000, die dort bereits standen.
Eine Entwicklung, die die deutschen Versicherer mit Sorge verfolgen. „Wir sind der Meinung, dass in Überschwemmungsgebieten grundsätzlich nicht neu gebaut werden sollte“, unterstreicht Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Der GDV hat die Zahlen auf Basis des sogenannten Zonierungssystems für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen (ZÜRS Geo) errechnet.
Nur rund die Hälfte der Wohngebäude hierzulande ist mit einem Elementargefahrenschutz abgesichert, der auch Starkregen und Überschwemmungen abdeckt. Da solche Ereignisse im Zuge des Klimawandels häufiger auftreten dürften, mehren sich die Forderungen nach einer bundesweiten Versicherungspflicht.
Die wachsende Beliebtheit von Wohnlagen in unmittelbarer Nähe zu Flüssen, Seen, Küsten oder anderen Gewässern zeigt einen deutlichen gesellschaftlichen Trend, der ästhetische, emotionale und lebensqualitative Motive mit erheblichen Risiken verbindet. Wasserlagen gelten als besonders attraktiv, steigern häufig den Immobilienwert und versprechen Erholung, Naturverbundenheit und ein hohes Maß an Wohnkomfort. Gleichzeitig wird jedoch das objektive Gefahrenpotenzial solcher Standorte oftmals unterschätzt oder bewusst verdrängt.
Starkregenereignisse, Hochwasser, Sturmfluten und steigende Grundwasserstände nehmen infolge des Klimawandels spürbar zu und treffen zunehmend auch Regionen, die früher als vergleichsweise sicher galten. Viele Anwohner verlassen sich auf historische Erfahrungswerte oder bestehende Schutzanlagen, ohne zu berücksichtigen, dass sich Wetterextreme und Niederschlagsmuster deutlich verändert haben.
Deiche, Rückhaltebecken oder Kanalsysteme stoßen bei außergewöhnlichen Ereignissen schnell an ihre Grenzen, was zu erheblichen Schäden an Gebäuden, Infrastruktur und privatem Eigentum führen kann. Besonders problematisch ist dabei, dass selbst moderne Neubauten in wassernahem Gelände nicht automatisch vor Überflutung geschützt sind, wenn Planungsannahmen auf veralteten Risikobewertungen beruhen.
Neben den physischen Risiken gewinnen auch finanzielle und versicherungsrelevante Aspekte zunehmend an Bedeutung. Immobilien in gefährdeten Lagen sind nicht nur stärker von Schäden betroffen, sondern können auch langfristig an Attraktivität verlieren, wenn Versicherungsprämien steigen oder bestimmte Risiken nur noch eingeschränkt abgesichert werden können.
Elementarschäden wie Überschwemmung, Rückstau oder Erdrutsch sind in vielen Fällen nicht Bestandteil einer Standardwohngebäude- oder Hausratversicherung und müssen gesondert abgesichert werden. Gerade in hochwassergefährdeten Regionen ist dieser Zusatzschutz jedoch entweder teuer oder mit Einschränkungen verbunden. Viele Eigentümer und Mieter erkennen diese Problematik erst nach einem Schadenereignis, wenn finanzielle Belastungen erheblich ausfallen und staatliche Hilfen nur begrenzt greifen.
Gleichzeitig steigen die Anforderungen von Banken und Kreditinstituten, die bei Finanzierungen zunehmend auf Lage, Risikoklassen und Versicherbarkeit achten. Immobilien nahe am Wasser können dadurch in der Finanzierung komplexer und teurer werden, was die langfristige Wirtschaftlichkeit beeinflusst.
Darüber hinaus hat das Wohnen in gefährdeten Lagen auch eine gesellschaftliche Dimension. Kommunen stehen vor der Herausforderung, einerseits attraktive Wohnräume zu schaffen und andererseits den Schutz der Bevölkerung sicherzustellen. Bauleitplanung, Hochwasserschutzkonzepte und Klimaanpassungsstrategien müssen stärker miteinander verzahnt werden, um zukünftige Risiken zu minimieren.
Gleichzeitig wächst die Verantwortung der Eigentümer, sich aktiv mit Prävention auseinanderzusetzen. Maßnahmen wie Rückstauklappen, hochwasserangepasste Bauweisen, mobile Schutzsysteme oder angepasste Haustechnik können Schäden reduzieren, erfordern jedoch Investitionen und vorausschauende Planung. Auch die regelmäßige Überprüfung von Versicherungsverträgen und Risikoeinstufungen wird wichtiger, da sich Gefahrenzonen im Laufe der Zeit verändern können.
Wer in Wassernähe lebt oder dort investieren möchte, sollte daher nicht nur den emotionalen und ästhetischen Wert des Standorts betrachten, sondern auch die langfristigen Risiken realistisch einschätzen und in seine finanzielle Gesamtplanung integrieren.
Insgesamt zeigt sich, dass die Nähe zum Wasser zwar hohe Lebensqualität verspricht, zugleich aber ein wachsendes Gefahrenpotenzial birgt, das in Zeiten des Klimawandels nicht mehr ignoriert werden kann. Die Kombination aus steigenden Naturgefahren, finanziellen Risiken und versicherungsrechtlichen Herausforderungen macht deutlich, dass Wohnen in wasserreichen Lagen heute eine bewusste Entscheidung erfordert, die weit über romantische Vorstellungen hinausgeht und eine aktive Auseinandersetzung mit Vorsorge, Absicherung und langfristiger Werthaltigkeit notwendig macht.
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